Integrationsgipfel

Sehr geehrte Damen und Herrn, mit meiner Projektvorstellung möchte ich Ihnen ein Beispiel dafür liefern, wie Teilhabe durch interkulturelle Öffnung erreicht werden kann.

 

Bitte erlauben Sie mir, vor dem Hintergrund der jüngsten politischen Ereignisse, die Bedeutung von Teilhabe in einen größeren Kontext zu setzen. Das Erstarken des Populismus hat viel mit dem Gefühl der Menschen zu tun, eben gerade nicht teilzuhaben. Teilhabe erhält damit eine Bedeutung, die weit über die Gestaltung von Einwanderungsgesellschaft hinausgeht.

 

Es ist entscheidend eine bessere Teilhabe aller Menschen zu erreichen und auch interkulturelle Öffnung nicht als eine exklusive Lösung für Menschen mit Migrationshintergrund zu verstehen sondern als einen Weg Teilhabe zu einer Haltung werden zu lassen.

Teilhabe ist eine Frage der Gerechtigkeit (immerhin zahlen wir alle hier ja Steuern)

Teilhabe ist eine Frage der Professionalität (Unternehmen beispielsweise betreiben großen Aufwand, damit ihre Instrumente / Produkte die Zielgruppen auch erreichen)

Teilhabe ist schließlich eine Frage der Verfassungstreue und der Schlüssel für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland.

 

Das Fazit dieses skizzierten Rahmens ist: Einwanderungsgesellschaft zu gestalten, zum Beispiel durch interkulturelle Öffnung, ist keine Zusatzaufgabe, sondern notwendig um unser Land in vielen Bereichen zukunftsfähig zu machen,  eine Zukunftsaufgabe, wenn Sie so wollen!

 

Kommen wir nun zu unserem Beispiel der interkulturellen Öffnung des Bundesfreiwilligendienst und damit zur Betrachtung des Engagements in der Einwanderungsgesellschaft. Grundsätzlich engagieren sich Menschen dort, wo sie sich wohl fühlen. Für Menschen mit Migrationshintergrund ist dies oft in Migrantenorganisationen der Fall. Das macht Migrantenorganisationen zu bedeutsamen Akteuren für die Engagementpolitik. Es verwundert nicht dass diese Bedeutung angesichts der Herausforderungen im Kontext Flucht besonders im Fokus steht. Für viele Geflüchtete aber auch für sonstige Neuzuwanderer sind Migrantenorganisationen und auch muslimische Gemeinden der natürliche erste Ansprechpartner. Von den Organisationen wird Orientierung, Beratung und vor allem soziale Anbindung erwartet. Die Engagierten in Migrantenorganisationen verfügen über eine besondere Expertise in Bezug auf Einwanderung und bringen eine besondere Portion Herzblut mit, wenn es um die ehrenamtliche Unterstützung von Neuzuwanderern geht. Man kann festhalten, diese Organisationen sind sehr stark gefordert aber eben fast gar nicht gefördert. Deutlich wird diese Tatsache unter anderem mit Blick auf die kaum vorhandene Partizipation am BFD, dem vielleicht wichtigsten Instrument der Engagementförderung.  Als dieser BFD um 10.000 Stellen aufgestockt wurde zur Unterstützung geflüchteter Menschen, war uns als TGD, die wir die Freiwilligendienste anbieten, klar, dass dort wo so dringender Bedarf besteht keine Freiwilligen ankommen würden. Es bedurfte  einer Extraanstrengung zur interkulturellen Öffnung dieses Förderinstrumentes BFD.

 

Als Türkische Gemeinde in Deutschland haben wir das Kanzleramt, das Bundesfamilienministerium, und das Bundesinnenministerium angesprochen, um zu erreichen, dass im Schulterschluss der Behörden in diesem Fall möglichst schnell Teilhabe eingerichtet wird. Einen weiteren Akteur möchte ich in diesem Kontext nennen, nämlich den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, der uns in unserem Vorhaben selbstlos und professionell unterstützt hat.

 

Nun gibt es den BFD seit 2011 und er ist an sich ein großartiges Instrument. Das liegt daran, dass er so herrlich einfach daherkommt. Im Grunde genommen müssen sich eine Einsatzstelle, also eine gemeinnützige Organisation, Verein oder Verband und ein junger oder auch älterer Freiwilliger nur über die Zusammenarbeit einig werden. Die Einsatzstelle muss dann vom Bund als gemeinnützig anerkannt werden und schon fördert der Bund einen monatlichen Betrag und die pädagogische Begleitung des Freiwilligen. Die Ursache dass Migrantenorganisationen und auch muslimische Gemeinde am Bundesfreiwilligendienst so wenig teilhaben, ist, wie übrigens in vielen Fällen, nicht böser Wille sondern vergangenheitsbasiertes Management.

 

In Abstimmung mit anderen Migrantenorganisationen und muslimischen Trägern konnten sehr schnell folgende Hürden konstatiert werden.

  1. Hürde:  Zunächst einmal ist der Bundesfreiwilligendienst in den Migranten Communities schlicht und ergreifend nicht bekannt – die Maßnahme der interkulturellen Öffnung ist, sehr einfach: ein gezielter Informationstransfer.
  2. Hürde: Die Antragstellung und Abwicklung des Bundesfreiwilligendienstes ist für eine neue Organisationen sehr komplex – Maßnahme der interkulturellen Öffnung ist eine vertiefte Beratung, die vom Empowermentansatz geprägt ist und im vorliegenden Fall vom BMI  gefördert und von der TGD geleistet wurde.
  3. Hürde: Das bisherige Vergabeverfahren funktioniert nach dem Prinzip: wer zuerst kommt malt zuerst. Freiwilligenplätze werden als Kontingente vergeben an etablierte Träger. Für neue Träger, nicht nur für Migrantenorganisationen, ist das oft keine gute Nachricht. – Maßnahme der IKÖ war die Schaffung eines geschützten Kontingentes durch das BMFSFJ sowie die enge Partnerschaft mit dem BUND als einem etablierten Träger.
  4. Hürde: der finanzielle Eigenanteil den Organisationen leisten müssen war zu hoch – die Maßnahme zur interkulturellen Öffnung war die gemeinsame Erschließung von Möglichkeiten zur Ko –Finanzierung, bei der uns der Arbeitsstab der Bundesbeauftragten tatkräftig unterstützt hat.

Sie alle kennen vielleicht das Bild auf dem ein Elefant, ein Affe, ein Vogel und ich glaube es war ein Seehund, die gleiche Aufgabe erhalten, nämlich einen Baum herauf zu klettern. Überschrieben ist das Bild mit „Chancengleichheit“. Ich erwähne dieses Bild mit Blick auf den sogenannten Gleichbehandlungsgrundsatz, der seine Berechtigung hat, aber dem Erreichen von Augenhöhe trotzdem oft im Wege steht. Um es auf eine einfache Formel zu bringen Deutschland hat sich stark verändert, die Förderinstrumente hingegen leider noch nicht.

 

Ich möchte Ihnen die Ergebnisse unseres interkulturellen Öffnungsprozesses nicht vorenthalten, da sie das Potenzial all der Migrantenorganisationen und muslimischen Partner unter Beweis stellen.  

 

In 38 Migrantenorganisationen sind anerkannte Einsatzstellen entstanden. 75 Plätze waren geplant, wir sind aktuell bei 91, und das Jahre ist noch nicht rum. 69 Freiwillige haben einen sogenannten Migrationshintergrund 15 von ihnen haben Fluchtgeschichte und sieben sind sogenannte Deutschstämmige. Unsere Freiwilligen belegen ihre Seminare gemeinsam mit den Freiwilligen des Bundes für Umwelt und Naturschutz in Deutschland auf diese Weise entstehen Hunderte Begegnung von Mensch zu Mensch ganz selbstverständlich. Der Bundesfreiwilligendienst spricht sich auf diese Weise natürlich in Migranten Communities herum und das ist auch gut für andere BFD Anbieter. Natürlich geht mit dem Bundesfreiwilligendienst eine Strukturentwicklung und auch eine interkulturelle Öffnung bei den teilhabenden Organisationen einher. Besonders hervorheben aber möchten wir die doppelte Wertschätzung, die mit dieser Strategie verbunden ist. Zum einen sind die Migrantenorganisationen und muslimischen Träger Partner des Bundes, worauf sie übrigens sehr stolz sind, zum anderen wird ihr Engagement endlich sichtbar gemacht.

Was sind nun also die zentralen Erkenntnisse die sich aus diesem Prozess der interkulturellen Öffnung übertragen lassen?

Sie kennen vielleicht die Bildserie Liebe ist…(sprich Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen) Ich möchte unsere Erkenntnisse aus dem Prozess mit Teilhabe braucht… beschreiben.

 

Teilhabe braucht politischen Willen! Hier hat er Ausdruck gefunden in der interministeriellen, dadurch, dass interkulturelle Öffnung zur Chefsache gemacht wurde

Teilhabe braucht Zusammenarbeit von Politik und Zivilgesellschaft also auch Interessenvertretungen mit Expertenwissen, denn wäre die TGD nicht

 

Träger der Freiwilligendienste gewesen, hätte  es keinen Impuls gegeben und auch kein Prozess.

 

Teilhabe braucht die Einbindung vielfältiger Perspektiven in Planungsprozesse

Teilhabe braucht die Kooperation mit etablierten Trägern

 

Für uns Migrantenorganisationen möchte ich hinzufügen: 

Teilhabe braucht ein geschlossenes Auftreten und, wie in diesem Fall, eine multiethnische Herangehensweise.

Deutschland hat in der jüngeren Vergangenheit in Zeiten besonderer Herausforderungen oft  mit Beharrlichkeit und Innovationskraft reagiert. Es scheint als würden hier unter hohem Druck manchmal die besten Lösungen entstehen, wie bei Diamanten. Die zentrale Innovation,  die aus der Gestaltung der Einwanderungsgesellschaft hervorgehen sollte ist das Management von Teilhabe, aus vielen Gründen eine Zukunftsaufgabe.

Vielen Dank meine Damen und Herrn für ihr Aufmerksamkeit

 

 

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